Kommt der Reisende von einer der benachbarten ehemals englischen Kolonien und jetzt selbständigen Inselstaaten nach Martinique, fällt der unvergleichlich höhere Entwicklungsstand ins Auge. Ultramoderner Flughafen, Autobahn zur Hauptstadt, reichhhaltiges Warenangebot, Hochhäuser - wären da nicht die Palmen und das feuchtwarme Klima, könnte man sich irgendwo in Frankreich fühlen. Selbst die Verkehrspolizisten sind vielfach Franzosen. Erst bei näherem Hinsehen wird in kleinen Nebenstraßen und Wohnvierteln der schwarzen Einwohner auch Armut erkennbar. Wie im Abschnitt Geschichte ausgeführt, begann die wirtschaftliche Entwicklung mit der Plantagenwirtschaft und hier besonders dem Zuckerrohr. Mit dem Verfall der Zuckerpreise seit dem Zweiten Weltkrieg ist seine Anbaufläche kontinuierlich verringert worden. Von den zahlreichen, über die ganze Insel verstreuten Zuckermühlen, die still vor sich hinrosten, ist nur noch eine in Betrieb. Lediglich die Rumerzeugung, ein Nebenprodukt des Rohrzuckers, weist eine steigende Tendenz auf und hat Martinique zu einem der größten Exporteure von Zuckeralkohol gemacht. Rum ist auch in seinen verschiedenen Formen als Punsch zu einer Art Nationalgetränk geworden. An die Stelle des Zuckerrohrs ist in zunehmendem Maße der Anbau von Bananen und Ananas getreten, die vornehmlich zu einem garantierten (über- höhten) Preis im Mutterland abgesetzt werden. Martinique verfügt über keinerlei Rohstoffe. Dies erschwert den Aufbau einer lokalen Industrie, der nur langsam vorankommt. An größeren Unternehmen gibt es nur eine Ölraffinerie, eine Düngemittel-, eine Getränke- und eine Zementfabrik. Ansonsten produzieren zahlreiche kleinere Betriebe für den heimischen Markt. Der Versuch, einen industriell funktionierenden Fischfang aufzubauen, ist fehlgeschlagen. Die kleinen lokalen Fischer müssen gegen die Konkurrenz der bis von Venezuela kommenden Fangboote ankämpfen. Auch die Viehwirtschaft ist nicht in der Lage, den Bedarf an Fleisch und Milcherzeugnissen zu decken.
Stark entwickelt ist hingegen der Dienstleistungssektor, in dem allein drei Viertel aller Beschäftigen tätig sind. Öffentliche Verwaltung, Handel und Tourismusindustrie sind die wichtigsten Arbeitgeber. Trotzdem ist mit 25% die Arbeitslosigkeit recht hoch und kann auch durch den stetig expandierenden Tourismus nicht merklich verringert werden. Mit jährlich etwa 200000 Besuchern, überwiegend aus Frankreich, dürfte eine Obergrenze erreicht sein, zumal die geeigneten Strandplätze inzwischen besetzt sind. Der offensichtliche Wohlstand ist nicht selbst erwirtschaftet. Martinique ist eine künstliche Wohlstandsinsel auf Pump. Durch hohe Zuschüsse der Zentralregierung und Sozialleistungen wird der Makel seiner wirtschaftlichen Unterentwicklung verdeckt. Vorschnelle Urteile, daß Bindungen an das Mutterland eine gesündere Entwicklung garantieren als politische Selbständigkeit, würden die ursächlichen Zusammenhänge verkennen. Eine gewisse Unzufriedenheit der schwarzen Bevölkerung über die große Zahl von (weißen) Franzosen auf dem Arbeitsmarkt macht sich bemerkbar.